Mehr als 25 Jahre nach dem Pfingsthochwasser zieht der Landschaftsplaner eine fachliche Bilanz und wirbt für mehr Raum für die Flüsse
Zwei Flüsse mit unterschiedlichem Temperament
Die besondere Lage der Region beginnt mit den beiden Flüssen selbst. Die Donau ist bei Ulm noch ein vergleichsweise junger Fluss, der eher gemächlich ansteigt. Die Iller kommt als Gebirgsfluss aus dem Allgäu und reagiert schnell auf starke Niederschläge und auf die Schneeschmelze. Am Zusammenfluss führt sie im Mittel sogar etwas mehr Wasser als die Donau.
„Die Iller kann in kurzer Zeit sehr viel Wasser heranführen, während die Donau deutlich langsamer reagiert“, sagt Stefan Alexander Voigt. „Wenn beide Flüsse gleichzeitig viel Wasser führen, addiert sich das an der Mündung. Wer den Hochwasserschutz in unserer Region verstehen will, muss deshalb immer beide Flüsse zusammen betrachten.“
Stefan Alexander Voigt kennt Ulm seit seiner Jugend und hat den Fluss über Jahrzehnte beruflich wie privat beobachtet. Hinzu kommt nach seiner Einschätzung die Lage der Städte selbst. Große Teile von Neu-Ulm liegen nah am Wasser, vor allem die tiefer gelegenen westlichen Viertel waren bei großen Hochwassern lange gefährdet.
Das Pfingsthochwasser 1999 als Wendepunkt
Am Pfingstsonntag, dem 23. Mai 1999, traten Donau und Iller über die Ufer und überfluteten das westliche Stadtgebiet von Neu-Ulm. In der Schützenstraße stand das Wasser hüfthoch. Die Donauklinik und die Justizvollzugsanstalt mussten geräumt werden, und das damalige Freizeitbad Atlantis, das heutige Donaubad, lief voll. Für die Betroffenen folgten tagelange Aufräumarbeiten und erhebliche Schäden.
Nur wenige Jahre später, im Jahr 2005, sorgte ein Hochwasser an der Iller erneut für eine angespannte Lage. Auch in Ulm schwoll die Donau an, und die Friedrichsau entging nur knapp einer Überflutung. Für Stefan Alexander Voigt war damit klar, dass der damalige Schutz nicht ausreichte.
„Zwei größere Hochwasser innerhalb weniger Jahre waren ein deutliches Signal“, erklärt der Gewässerökologe. „Man hat daraus die richtigen Schlüsse gezogen und gehandelt. Das ist in der Rückschau keine Selbstverständlichkeit.“
Was seither entstanden ist
In Neu-Ulm wurde zwischen 2005 und 2008 eine durchgehende Hochwasserschutzlinie gebaut. Sie ist rund 3.300 Meter lang und besteht überwiegend aus Schutzmauern, ergänzt um kürzere Deichabschnitte. Je nach Lage sind die Mauern zwischen sechzig Zentimetern und gut zwei Metern hoch. Die Kosten der Neu-Ulmer Maßnahme lagen bei rund sieben Millionen Euro. Auf der Ulmer Seite wurde 2018 der Hochwasserschutz in der Friedrichsau eingeweiht.
Stefan Alexander Voigt legt Wert darauf, zwei Fachbegriffe verständlich zu machen, die in solchen Projekten eine zentrale Rolle spielen. Ausgelegt ist die Neu-Ulmer Anlage auf ein sogenanntes HQ100. Gemeint ist ein hundertjährliches Hochwasser, also ein Abfluss, der statistisch einmal in hundert Jahren erreicht oder überschritten wird. An der Donau in Neu-Ulm entspricht das 1.250 Kubikmetern Wasser pro Sekunde. Zusätzlich wurden Mauern und Deiche um einen Meter über das berechnete Niveau erhöht. Diese Sicherheitsreserve nennt man Freibord.
Ein Teil der Schutzlinie bleibt im Alltag offen. Rund fünfzig Öffnungen werden erst im Ernstfall mit vorbereiteten mobilen Elementen von Hand verschlossen. Stefan Voigt hält diese Lösung für sinnvoll. „Die Öffnungen sorgen dafür, dass die Stadt im Alltag nicht vom Fluss abgeschnitten ist“, sagt er. „Sie verlangen aber Übung und eine gute Organisation. Ein Schutz wirkt nur, wenn er im Ernstfall rechtzeitig steht.“ Warnsysteme, klare Zuständigkeiten und geübte Abläufe gehören für ihn deshalb ebenso zum Hochwasserschutz wie die Mauern selbst.
Warum Stefan Alexander Voigt zusätzlich auf die Auen setzt
Mauern und mobile Elemente sind aus Sicht des Fachmanns nur ein Teil der Antwort. Als Gewässerökologe verweist Stefan Alexander Voigt auf die Flächen oberhalb der Städte. Je mehr Wasser die Landschaft dort zurückhält, desto niedriger fällt die Hochwasserspitze aus, die an den Mauern in der Stadt ankommt. Diesen Rückhalt in der Fläche nennt man Retention.
„Eine Aue, in der sich der Fluss bei Hochwasser ausbreiten kann, wirkt wie ein natürlicher Puffer“, erklärt Stefan Alexander Voigt. „Sie braucht keine Technik und keine Bedienung und arbeitet bei jedem Hochwasser mit. Erst beides zusammen, der Schutz in der Stadt und der Raum für den Fluss außerhalb, ergibt aus meiner Sicht eine verlässliche Lösung.“
Hochwasser gehört zum Fluss
Ein Hochwasser betrachtet der Landschaftsplaner zunächst als natürlichen Vorgang. Tritt die Donau über die Ufer, überflutet sie Auen, lagert Sand und Kies ab und bringt Nährstoffe in die Fläche. Viele Pflanzen und Tiere am Wasser sind auf diesen Rhythmus angewiesen. Zum Problem wird das Wasser dort, wo Gebäude und Infrastruktur in dem Raum stehen, den der Fluss bei Hochwasser braucht. Diese Unterscheidung zwischen dem Ereignis und dem Schaden zieht sich durch die Arbeit von Stefan Alexander Voigt.
Auch deshalb rät er dazu, trotz der neuen Anlagen aufmerksam zu bleiben. „Kein Schutz bietet eine absolute Sicherheit“, sagt Stefan Alexander Voigt. „Wer einen Fluss über lange Zeit beobachtet, bekommt ein Gefühl für seine ruhigen und seine hohen Phasen. Dieses Wissen ersetzt keine Mauer, es hilft aber, Warnzeichen früh zu erkennen und besonnen zu reagieren.“
Seine eigenen Beobachtungen hält er seit Jahren in seinem Donau-Notizbuch fest, darunter Wasserstände, Wetter und Auffälligkeiten am Ufer. Stefan Alexander Voigt lebt in Neu-Ulm und ist fast täglich an der Donau unterwegs. Aus dem Vergleich über viele Jahre entsteht für ihn ein Bild, das eine einzelne Momentaufnahme nicht liefern kann.
Über Stefan Alexander Voigt
Stefan Alexander Voigt ist Diplom-Landschaftsplaner und Gewässerökologe aus Neu-Ulm und in Ulm aufgewachsen. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit Gewässerentwicklung, Renaturierung und Hochwasserschutz. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht die Frage, wie Flüsse genutzt werden können und zugleich ihre natürlichen Funktionen behalten. Auf stefan-alexander-voigt.de, donau.stefan-alexander-voigt.de und ulm.stefan-alexander-voigt.de schreibt er über die Donau, die Region Ulm und Neu-Ulm und über Veränderungen, die sich erst im langen Blick über Jahre zeigen.
Stefan Alexander Voigt, ist Diplom-Landschaftsplaner und Gewässerökologe aus Neu-Ulm mit über 30 Jahren Berufserfahrung in der Umwelt- und Landschaftsplanung. Seine fachlichen Schwerpunkte liegen auf Gewässerentwicklung, Renaturierung, Hochwasserschutz und Klimaanpassung in der Region Ulm/Neu-Ulm sowie entlang von Donau und Iller. In Ulm aufgewachsen und heute in Neu-Ulm zuhause, verbindet er in seinen Beiträgen fundiertes Fachwissen mit persönlicher, langjähriger Beobachtung der Landschaft und ihrer Veränderungen.
Kontakt
Stefan Alexander Voigt
Stefan Alexander Voigt
Filchnerstraße 23
89231 Neu-Ulm
K.A.

https://stefan-alexander-voigt.de/
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