Wohin führt uns die atemberaubende Entwicklung der KI?
Noch vor zwanzig Jahren galt Künstliche Intelligenz als aussichtsloses Unterfangen: zu kompliziert, zu teuer, zu wenig praktisch verwertbar. Erst vor gut zehn Jahren kam es aufgrund der enorm gestiegenen Rechenleistung von Hochleistungsprozessoren in Verbindung mit schier unbegrenzten Speichertechnologien zu unerwarteten Durchbrüchen. Selbst Apple, Google oder Facebook wurden damals davon überrascht. Sie hatten die großen Sprünge unterschätzt, die Künstliche Intelligenz in kurzer Zeit machen würde.
Die Tech-Riesen reagierten mit Zukäufen. Populärstes Beispiel: Der Kauf des kleinen britischen Labors für Künstliche Intelligenz namens DeepMind 2014 durch Google. Aber erst als am 30. November 2022 das Chatbot GPT für die Öffentlichkeit freigeschaltet wurde, konnten Millionen von Menschen am eigenen Bildschirm sehen, wie weit KI-Forschung in den vergangenen Jahren gekommen ist.
2025 ist der Kampf um die Vorherrschaft bei der Künstlichen Intelligenz zwischen Amerika und China endgültig entbrannt. Im Januar 2025 hat US-Präsident Trump das KI-Projekt „Stargate“ bekannt gegeben: Tech-Riesen, darunter Chat-GPT-Entwickler OpenAI, wollen 500 Milliarden Dollar in den Ausbau Künstlicher Intelligenz investieren. Das Projekt werde 100.000 Jobs in den USA schaffen, sagte Trump und man werde „kolossale Datenzentren“ aufbauen, um die Fortschritte bei der Weiterentwicklung von KI-Anwendungen voranzutreiben. Ein Dekret mit staatlichen KI-Regeln hatte Trump zuvor abgeschafft.
Die Reaktion Chinas erfolgte kurz darauf. Das Start-up Deep Seek aus China, das bisher nur Experten kannten, eroberte mit seinem neuen KI-Modell einen Spitzenplatz in den AppStores. Deep Seek kann ähnlich wie Chat-GPT aus Amerika komplexe Fragen beantworten. Die Sache ist nur: Deep Seek ist um ein Vielfaches effizienter, was die nötige Rechenleistung angeht. Deep Seek versetzte das Silicon Valley ziemlich in Panik und ließ Aktienkurse westlicher Tech-Unternehmen zeitweise abstürzen.
Diese Vorgänge zeigen: Die Technologie rund um KI wird zum neuen Schlachtfeld im globalen Machtkampf zwischen den USA und China. Es geht um die technologische Vorherrschaft in einem Bereich, der die wirtschaftliche Zukunft zahlreicher Branchen in den kommenden Jahrzehnten massiv beeinflussen wird. Europa hat dabei derzeit nur eine schwache Position.
Die Digitalisierung verbunden mit KI dringt heute in sämtliche wirtschaftliche und gesellschaftliche Bereiche vor. Das gilt für die Industrie, das Bankwesen, die Finanzmärkte, die Verwaltung, die Justiz, die Schulen und Universitäten, das Gesundheitssystem, die Forschung, das Militär und das Informations- und Kommunikationssystem. Dazu nur vier kurze Beispiele:
· Im Börsenhandel trifft die KI selbständige Kauf- und Verkaufsentscheidungen, sie kann besser als ein Mensch beim extrem beschleunigten Marktgeschehen mithalten.
· Bei den bildgebenden Verfahren der medizinischen Diagnostik ist die KI auf Mustererkennung trainiert. Sie nimmt genauer als ein Mensch entscheidende Details wahr und kann mithilfe der Auswertung unzähliger Vergleichsdaten Therapievorschläge machen.
· In der Industrie steuert die KI Fertigungsprozesse und treibt dort die Automatisierung voran.
· Im Verkehrsbereich kommt die KI bei der Koordinierung und Lenkung der Verkehrsströme zum Einsatz. Selbstfahrende Fahrzeuge werden bald unseren Alltag bestimmen.
Der Philosoph und Schriftsteller Rüdiger Safranski befasst sich in seinem neuen Buch „Die vierte Kränkung“ mit dem menschlichen Geist im Schatten der Künstlichen Intelligenz. Sigmund Freud hatte einst von den drei Kränkungen des menschlichen Narzissmus gesprochen:
· Die erste Kränkung war das kopernikanische Weltbild: Der Mensch kann sich nicht mehr im Mittelpunkt des Weltalls lokalisieren.
· Die zweite, die darwinsche Kränkung: Der Mensch stammt von den gleichen Vorfahren wie die Affen ab.
· Die dritte, die psychologische Kränkung sah Freud in der Entdeckung des Unbewussten: Das bewusste Ich denkt, das Unbewusste aber lenkt.
· Daran anknüpfend nennt Safranski KI als die vierte Kränkung: Das Bewusstsein, das sich souverän dünkt, wird nicht nur bedrängt vom triebhaften Unbewussten, wie bei Freud, sondern vom Nichtbewusstsein der Künstlichen Intelligenz, die menschliche Intelligenzleistungen nachahmt und überbietet.
Safranski stellt die Frage: Wird sich der lebendige Geist – mit Emotionalität, Empathie, Spontanität, Moralität und Freiheit – behaupten können gegen die Künstliche Intelligenz? Wird es gelingen, sie zu nutzen, statt von ihr benutzt zu werden?
Mit der KI wird jedenfalls eine neue Stufe einer atemberaubenden technischen Entwicklung erreicht. Daraus eröffnen sich unzählige neue Chancen. Ein Beispiel aus der Medizin und Wissenschaft: KI unterstützt schon heute Radiologen zuverlässig beim Erkennen von Tumoren in Scans. Künftig werden KI-gestützte Laboratorien völlig neue Medikamente entwerfen und die Entwicklung von Impfstoffen von Jahren auf wenige Tage verkürzen.
Ein weiteres Beispiel ist die humanoide Robotik, die Verschmelzung von „Gehirn“ (KI) und „Körper“ (Robotik). Roboter lernen durch KI-Simulationen extrem schnell, Haushaltsaufgaben zu übernehmen, Fabriken autonom zu verwalten oder handwerkliche Arbeiten zu unterstützen.
Auf dem Arbeitsmarkt verändert KI nahezu jedes Berufsbild grundlegend. KI verschiebt die benötigten Kernkompetenzen: Fachwissen verliert durch die ständige Verfügbarkeit von KI-Wissen an relativem Wert. Wichtiger werden „Critical Thinking“ (Ergebnisse hinterfragen), Empathie und Führung, sowie die Fähigkeit, komplexe Systeme zu orchestrieren. Zahlreiche neue Berufsbilder entstehen, wie AI Prompt Engineers, AI Compliance Officers (zur Einhaltung von Gesetzen wie dem EU AI Act) oder AI Integration Architects.
KI verdrängt zwar einerseits einzelne Routinetätigkeiten und Teilaufgaben, zum Beispiel bei der Datenerfassung und der Protokollierung. KI unterstützt aber andererseits vorhandene Arbeitsplätze. Angestellte in IT, Marketing, Recht und Finanzen agieren primär als Kuratoren und Prüfer. Die KI erstellt denn ersten Entwurf (Code, Vertragstext, Kampagne), der Mensch übernimmt die finale Qualitätskontrolle und strategische Ausrichtung.
Im Wettrennen um die Vorherrschaft bei der Künstlichen Intelligenz werden die Warnungen vor der neuen Technologie immer lauter. Sam Altman und Dario Amodei, die Gründer von Open AI und Anthropic, warnten kürzlich vor dem US-Sicherheitsrat vor den KI-Gefahren und forderten eine härtere Regulierung durch die Politik. Auch der Microsoft-Gründer Bill Gates sieht in der KI dramatische Risiken: „KI ist sicherlich mächtig genug, um Ereignisse voranzutreiben, die eine Milliarde Todesfälle verursachen“, antwortete Gates dem US-Sender NBC auf eine Frage zu aktuellen Warnungen, die Technologie könne die Menschheit auslöschen. Gates fordert daher auch eine gesetzliche Regulierung von KI.
Der international angesehene Astrophysiker Stephen Hawking sagte bereits 2017 wenige Monate vor seinem Tod bei der Technologie-Konferenz „Web Summit“ in Lissabon: „Der Erfolg bei der Schaffung einer effektiven KI könnte das größte Ereignis in der Geschichte unserer Zivilisation sein. Oder das Schlimmste. Wir wissen es einfach nicht. Also können wir nicht wissen, ob wir unendlich von der KI unterstützt oder ignoriert, gefüttert oder möglicherweise zerstört werden.“
Hawking forderte, dass von Grund auf Kontrollmechanismen am Platz sein müssen, die verhindern, dass sich die KI irgendwann gegen Menschen richtet. Hierfür seien rechtliche Grundlagen dringend nötig. Auf dieser Basis kommt Hawking zur Schlussfolgerung: „Ich bin ein Optimist und ich glaube, dass wir eine Künstliche Intelligenz zum Wohle der Welt schaffen können, die in Harmonie mit uns arbeiten kann.“
Die KI-Systeme werden in naher Zukunft viele Probleme lösen, an denen die Menschheit seit Jahrhunderten scheiterte. Aufgabe von Wirtschaft, Wissenschaft, Staat und Gesellschaft muss es dabei sein, Risiken und negative Auswirkungen so weit wie möglich zu begrenzen, aber gleichzeitig die sich bietenden Chancen zu nutzen. Das ist zweifellos eine sehr schwierige Aufgabe. Alle weltweiten Akteure müssen in den nächsten Jahren dazu sicher immer wieder überraschende Herausforderungen bewältigen.
Sie auch die Bücher von Thies Claussen: https://is.gd/7Jqgc5
Von Dr. Thies Claussen sind bei Tredition folgende Bücher erschienen: „Notizen zur Lage der Welt. Demokratie, Zukunft und Tech-Milliardäre“ (2026), „In unruhigen Zeiten. Lebensfragen und Denkanstöße“ (2025), „Ludwig Erhard. Sein Leben für die Soziale Marktwirtschaft. Biografie und Ausblick“ (2024), „Unser Leben. Auf der Suche nach einem Kompass“ (2023), „Im Wandel der Zeit. Wo stehen wir? Wohin gehen wir?“ (2022), „Denkanstöße – Acht Fragen unserer Zeit“ (2021), „Unsere Zukunft nach Corona“ (2020), „Zukunft beginnt heute“ (2018) und „Unsere Zukunft“ (2017) .
Der Autor war Ministerialdirigent im Bayerischen Wirtschaftsministerium und zuletzt Vizechef der LfA Förderbank Bayern.
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Buchautor
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