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Neue Sterbezahlen aus Gaza sorgen für Streit: Widerlegen die Daten den Genozidvorwurf gegen Israel?

Neue Zahlen des palästinensischen Gesundheitsministeriums über die Todesfälle im Gazastreifen im Jahr 2025 haben eine internationale Debatte ausgelöst. Das US-Nachrichtenportal Western Journal sieht darin einen Beleg gegen den Vorwurf eines Völkermords durch Israel. Doch was sagen die Daten tatsächlich aus? Ein genauer Blick auf die offiziellen Zahlen, die Altersverteilung der Todesopfer und wissenschaftliche Untersuchungen zeigt, warum die Schlussfolgerungen umstritten sind.

Am 20. September 2026 veröffentlichte das palästinensische Gesundheitsministerium einen Jahresbericht zur Sterblichkeit im Gazastreifen. Er enthält erstmals wieder eine umfassendere Aufschlüsselung der registrierten Todesfälle nach verschiedenen Ursachen.

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Am 2. Oktober griff das amerikanische Nachrichtenportal Western Journal die Ergebnisse auf und stellte die These auf, das Ministerium habe mit seinen eigenen Zahlen unbeabsichtigt die Vorwürfe eines Völkermords gegen Israel widerlegt.

Die Veröffentlichung sorgt damit für eine grundsätzliche Frage: Was lässt sich aus Sterbestatistiken über die Folgen eines Krieges und mögliche Verstöße gegen das Völkerrecht ableiten?

24.650 Todesfälle im Gazastreifen innerhalb eines Jahres

Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums wurden im Jahr 2025 insgesamt 24.650 Todesfälle im Gazastreifen registriert.

Davon ordnete die Behörde 17.286 Todesfälle direkten Angriffen zu. Das entspricht 70,1 Prozent aller registrierten Todesfälle.

Die übrigen Todesfälle verteilen sich nach einer weiteren Auswertung der veröffentlichten Daten auf Unfälle und andere Todesursachen.

Todesursache

Todesfälle 2025

Direkte Kriegseinwirkungen

17.286

Unfälle

1.584

Sonstige Todesursachen

5.780

Insgesamt

24.650

Damit waren direkte Kriegseinwirkungen nach Angaben des Ministeriums die mit Abstand häufigste Todesursache.

Die Zahlen beziehen sich ausschließlich auf das Kalenderjahr 2025. Sie dürfen nicht mit der Gesamtzahl aller seit Beginn des Gaza-Krieges im Oktober 2023 gemeldeten Todesopfer verwechselt werden.

Western Journal sieht Widerspruch zum Genozidvorwurf

Das konservative US-Nachrichtenportal Western Journal interpretiert die Veröffentlichung anders als das palästinensische Gesundheitsministerium.

Der Autor C. Douglas Golden argumentiert, dass ein besonders hoher Anteil der Todesfälle auf Kriegshandlungen und Unfälle entfalle und die Altersverteilung auffällig viele Menschen im wehrfähigen Alter umfasse.

Besonders hervorgehoben wird die Gruppe der 20- bis 34-Jährigen, auf die laut Bericht 28,8 Prozent aller registrierten Todesfälle entfallen.

Western Journal wertet diese Verteilung als Hinweis darauf, dass die Sterblichkeit vor allem durch militärische Kampfhandlungen geprägt sei.

Daraus leitet das Portal die weitreichende These ab, die Zahlen widersprächen dem Vorwurf eines gezielten Völkermords.

Allerdings lässt sich diese Schlussfolgerung nicht unmittelbar aus den Daten ableiten.

Hoher Anteil junger Erwachsener bedeutet nicht automatisch viele getötete Kämpfer

Ein zentraler Punkt der Diskussion ist die Altersstruktur der Todesopfer.

Dass Menschen zwischen 20 und 34 Jahren einen besonders großen Anteil der registrierten Todesfälle ausmachen, ist statistisch auffällig.

Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, wie viele dieser Menschen tatsächlich Mitglieder der Hamas oder anderer bewaffneter Gruppen waren.

Das Alter allein erlaubt keine Unterscheidung zwischen Zivilpersonen und Kombattanten.

Auch junge erwachsene Männer können Zivilisten sein. Umgekehrt können Angehörige bewaffneter Gruppen unterschiedlichen Alters sein.

Für eine belastbare Bestimmung des Anteils getöteter Kämpfer wären zusätzliche Informationen erforderlich, die eine reine Sterbestatistik nicht liefert.

Die veröffentlichten Gesundheitsdaten enthalten deshalb keine abschließende Antwort auf die Frage, wie viele der Todesopfer an Kampfhandlungen beteiligt waren.

Wie haben sich die Todeszahlen gegenüber der Vorkriegszeit verändert?

Ein weiterer wichtiger Vergleich betrifft die allgemeine Sterblichkeit.

Vor dem Krieg wurden im Gazastreifen deutlich weniger Todesfälle registriert. Für das Jahr 2022 werden 6.061 Todesfälle genannt.

Im Jahr 2025 waren es dagegen 24.650.

Die absolute Zahl der registrierten Todesfälle lag damit etwa viermal so hoch wie 2022.

Der Vergleich muss allerdings auch Veränderungen der Bevölkerungszahl und der Altersstruktur berücksichtigen.

Deshalb sind Sterberaten bezogen auf die jeweilige Bevölkerung aussagekräftiger als absolute Zahlen allein.

Auch ohne direkte Kriegstote liegt die Sterberate höher

Besonders interessant ist die Frage, was passiert, wenn die 17.286 unmittelbar Kriegseinwirkungen zugeschriebenen Todesfälle herausgerechnet werden.

Dann verbleiben 7.364 registrierte Todesfälle aus anderen Ursachen, einschließlich Unfällen.

Eine Auswertung des Shireen Observatory beziffert die entsprechende Sterberate für 2025 auf 3,46 Todesfälle je 1.000 Einwohner.

Für 2022 lag die allgemeine Sterberate demnach bei 2,8 je 1.000 Einwohner.

Damit liegt die Rate auch ohne die unmittelbar durch Angriffe verursachten Todesfälle über dem Vergleichswert von 2022.

Allerdings lässt sich aus diesem Unterschied allein nicht bestimmen, welcher Anteil auf indirekte Kriegsfolgen zurückzuführen ist. Dafür müssten unter anderem die Altersstruktur, Bevölkerungsbewegungen und Veränderungen der medizinischen Versorgung berücksichtigt werden.

Die Behauptung, es habe außerhalb der direkten Kampfhandlungen überhaupt keine erhöhte Sterblichkeit gegeben, ist durch diese Zahlen jedenfalls nicht belegt.

Besonders deutlicher Anstieg bei der Kindersterblichkeit

Der Bericht des Gesundheitsministeriums enthält außerdem Angaben zur Gesundheit von Säuglingen und Kleinkindern.

Demnach stieg die Sterblichkeit von Kindern unter fünf Jahren auf 33,4 Todesfälle je 1.000 Lebendgeburten.

Auch die Säuglingssterblichkeit wird für 2025 mit 15,8 Todesfällen je 1.000 Lebendgeburten angegeben.

Bei der Sterblichkeit rund um die Geburt nennt das Ministerium einen Anstieg von 9,73 im Jahr 2022 auf 15,85 je 1.000 Geburten im Jahr 2025.

Als wesentliche Probleme beschreibt die Behörde unter anderem Frühgeburten, niedriges Geburtsgewicht sowie eingeschränkte Möglichkeiten zur medizinischen Versorgung von Schwangeren und Neugeborenen.

Diese Angaben zeigen, dass sich die gesundheitlichen Folgen des Krieges nicht auf unmittelbar durch Waffen verursachte Verletzungen und Todesfälle beschränken.

Wissenschaftliche Untersuchungen kommen zu weiteren Ergebnissen

Die Erfassung von Todesfällen in einem Kriegsgebiet ist mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden.

Zerstörte Krankenhäuser, unterbrochene Meldesysteme, Vertreibungen und Menschen, deren Leichen nicht geborgen werden können, erschweren eine vollständige Registrierung.

Eine im Februar 2026 in der Fachzeitschrift The Lancet Global Health veröffentlichte Untersuchung nutzte deshalb eine repräsentative Haushaltsbefragung, um gewaltsame und nicht gewaltsame Todesfälle zu untersuchen.

Solche Studien ergänzen die amtlichen Register durch statistische Schätzverfahren.

Sie sind jedoch ebenfalls mit Unsicherheiten verbunden und können nicht jeden einzelnen Todesfall unabhängig überprüfen.

Die Vereinten Nationen verwenden die Angaben des Gesundheitsministeriums in ihren Lageberichten, weisen bei noch nicht selbst verifizierten Zahlen aber ausdrücklich auf deren Herkunft hin.

Was bedeutet der Begriff Völkermord juristisch?

Der Begriff Völkermord ist im internationalen Recht klar definiert.

Nach der UN-Völkermordkonvention von 1948 können bestimmte Handlungen dann als Genozid gelten, wenn sie mit der Absicht begangen werden, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören.

Dazu gehören unter anderem die Tötung von Gruppenmitgliedern, die Verursachung schwerer körperlicher oder seelischer Schäden sowie die vorsätzliche Auferlegung bestimmter lebenszerstörender Bedingungen.

Entscheidend ist dabei nicht allein die Zahl der Todesopfer.

Auch die nachzuweisende Absicht und die konkreten Handlungen spielen eine zentrale Rolle.

Deshalb kann eine Sterbestatistik für juristische Untersuchungen wichtig sein, aber für sich genommen weder einen Völkermord beweisen noch einen entsprechenden Vorwurf abschließend widerlegen.

Israel bestreitet den Vorwurf des Völkermords. Kritiker des israelischen Vorgehens verweisen dagegen unter anderem auf das Ausmaß der Zerstörung, die zahlreichen zivilen Todesopfer, die humanitären Bedingungen und Äußerungen politischer Verantwortlicher.

Die rechtliche Bewertung dieser Vorwürfe erfordert eine umfassendere Beweiswürdigung als den Vergleich einzelner Todeszahlen.

Was die neuen Daten tatsächlich zeigen

Die Veröffentlichung des Gesundheitsministeriums liefert wichtige zusätzliche Informationen über die Sterblichkeit im Gazastreifen.

Fest steht nach den gemeldeten Daten, dass die Zahl der registrierten Todesfälle 2025 erheblich über dem Vorkriegsniveau lag und direkte Kriegseinwirkungen die häufigste Todesursache waren.

Auch der hohe Anteil junger Erwachsener an den Todesfällen ist ein relevantes Ergebnis.

Nicht aus den Zahlen ableiten lässt sich dagegen, dass sämtliche getöteten jungen Männer Kämpfer waren.

Ebenso wenig lässt sich daraus schließen, dass indirekte gesundheitliche Folgen des Krieges keine Rolle gespielt hätten.

Die vom Western Journal vertretene Interpretation ist damit eine politische und journalistische Bewertung der Daten, nicht das zwingende Ergebnis der Statistik.

Fazit: Die neuen Sterbezahlen aus Gaza sind für die Aufarbeitung des Krieges bedeutsam. Sie liefern zusätzliche Erkenntnisse über Todesursachen, Altersgruppen und gesundheitliche Entwicklungen. Eine abschließende rechtliche Bewertung des Genozidvorwurfs erlauben sie jedoch nicht.

Quellen

  • Palästinensisches Gesundheitsministerium: Jahresbericht zur Sterblichkeit im Gazastreifen 2025, veröffentlicht am 20. September 2026.
  • Western Journal: Artikel von C. Douglas Golden vom 2. Oktober 2026.
  • Shireen Observatory: Auswertung der Sterbedaten 2025.
  • The Lancet Global Health: Gaza Mortality Survey, Februar 2026.
  • UN OCHA: Berichte zu Todesopfern und humanitären Auswirkungen des Gaza-Krieges.
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